Wie der Mensch lernt

Lebenslanges Lernen ist als Forderung an alle Menschen und Mitarbeiter in einer Wissensgesellschaft nicht mehr wegzudenken.

Wie wir selbst am schnellsten und einfachsten Lernen und andere Menschen zu nachhaltigen Lernerfolgen verhelfen können, ist Gegenstand der Gehirnforschung. Die neuere Gehirnforschung räumt endgültig mit Irrtümern auf wie »Trennung von Inhalts- und Beziehungsebene« oder »manche Menschen lernen unter Druck am Besten«.

Aus den Ergebnissen der Neurobiologen lassen sich wertvolle Tipps ableiten, die Lernen erleichtern:Lernlevels

  • Gelerntes bleibt besser haften, wenn es mit positiven Gefühlen verknüpft ist.
  • Erwachsene lernen zwar langsamer als Kinder, aber weil sie bereits viel abgespeichert haben, können sie Neues mit bereits vorhandenem Wissen verbinden.
  • Häufiger das Kurzzeitgedächtnis aufrufen, damit möglichst oft etwas ins Langzeitgedächtnis »tröpfeln« kann.
  • Alltagsbezug und Eselsbrücken zu bereits vorhandenem Wissen schaffen.
  • Stumpfsinn ist der Hauptfeind des Lernens. Bloßes Pauken von Regeln bringt wenig. Stattdessen: Je vielfältiger die Herangehensweise, desto größer der Erfolg.
  • Erfolgserlebnisse schaffen. Das motiviert beim Weiterlernen.
  • Wer Vokabeln lernt und sich hinterher den aufregenden Horrorfilm oder ein Ballerspiel am Computer als Belohnung gönnt, löscht einen Großteil des Gelernten wieder.
  • Bewährungsproben außerhalb des Lernumfeldes wahrnehmen, zum Beispiel: Einem anderen Seminarteilnehmer das Gelernte in freier Rede erklären.
  • Ein angenehmes Lernumfeld schaffen.
  • Realistische (Teil-) Ziele setzen und sich für die Einhaltung belohnen.

 

„Das Problem in unserer Gesellschaft ist kein Wissensproblem, sondern ein Umsetzungsproblem.
Die Weisheiten und Forschungsergebnisse sind einleuchtend und oft bekannt.“

Professor Dr. med. Dr. rer.nat. Gerald Hüther
Professor für Neurobiologie, Leiter der Zentralstelle für neurobiologische Präventionsforschung an den Universitäten Göttingen, Mannheim/Heidelberg

 

Wie der Mensch lernt

  1. Sehen, riechen, spüren…
    Die Sinnesorgane nehmen Informationen auf und leiten sie über Nervenbahnen in das Limbische System.
  2. Prüfen und sortieren
    Der Mandelkern bewertet den emotionalen Gehalt der Wahrnehmungen. Der Hippocampus ist an der Übertragung in das Langzeitgedächtnis beteiligt, die teilweise im Schlaf erfolgt.
  3. Speichern
    Die linke Gehirnhälfte ist für das Faktengedächtnis zuständig. Hier lagern Kenntnisse wie die Namen von Hauptstädten, Rechnen und Schreiben. In der rechten Hälfte überwiegt das episodische, mit Gefühlen verbundene Gedächtnis, etwa zu Urlaub oder der ersten Liebe. Im Bereich des Kleinhirns speichert das prozeduale Gedächtnis automatisierte Bewegungsabläufe wie Radfahren oder Treppensteigen. Schließlich sammelt die Großhirnrinde unbewusste Eindrücke – das so genannte Priming. Wir merken das, wenn uns etwa eine Melodie nach wenigen Takten bekannt vorkommt.

Lernen und Gehirn

Bei der Geburt hat jede Hirnnervenzelle gut 2.5000 Synapsen. Die nur darauf warten, durch Sinneseindrücke wie den ersten Kuss der Mutter, Wörter und Bilder verändert zu werden. Bis zum dritten Lebensjahr steigt die Zahl der Synapsen auf 15.000 pro Zelle an und verdoppelt sich bis zum 20. Lebensjahr auf 30.000. Kombiniert mit 100 Milliarden Nervenzellen, über die das Gehirn dann verfügt, offenbart sich ein unglaubliches Potenzial möglicher Verschaltungen. Im Lernprozess werden jene synaptischen Verbindungen verstärkt, die immer wieder aktiviert werden. Das Hirn lernt also durch Wiederholungen. Je vielfältiger die Art und Weise, in der ein und derselbe Lerninhalt präsentiert wird, desto größer ist die Chance, dass das Gelernte dauerhaft abgespeichert wird. Deshalb ist es sinnvoll mit allen Sinnen und auch mit Körpererfahrung zu lernen. Da das Ablegen im Langzeitgedächtnis unserem Willen entzogen ist, bedarf es vieler Wiederholungen, damit beim häufigen Aufrufen des Kurzzeitgedächtnisses möglichst oft etwas ins Langzeitgedächtnis »tröpfeln« kann. Ganz entscheidend für den Lernerfolg sind auch Gefühle: Je stärker die Emotionen, desto fester wird die Information verdrahtet. Noch wichtiger als die Freude und der Spaß am Lernen, ist das Glücksgefühl, das den Lernenden überkommt, wenn er eine Aufgabe zum
ersten Mal gelöst hat. Dann schüttet das Gehirn die Glücksdroge Dopamin aus. Genauso wichtig ist es, das Glücksgefühl anschließend nicht wieder zu überlagern, sondern in ähnlichen Lernsituationen zu wiederholen.

Während bei Kindern bis zum Ende der Pubertät das Gehirn fortlaufend auf- und umgebaut wird und unglaublich schnell lernt, sind es beim Erwachsenen im Wesentlichen Modifikationen bereits bestehender Synapsen. Sie werden verstärkt oder stumm geschaltet. Das hat zwar den Nachteil, dass Erwachsene sich völlig neue Dinge nicht mehr so schnell und gut merken können und den Vorteil, dass Dank der bestehenden Verknüpfungen die Lerninhalte besser einsortiert werden können. Neurologe und Hirnforscher Henning Scheich, Direktor des Leibnitz-Instituts für
Neurobiologie in Magdeburg:

  • »Wir lernen, um mit der Welt besser umgehen zu können, um zu überleben. Für die Evolution des Systems war es enorm wichtig, dass wir Erfolg haben… «
  • »Zudem sollten die Leute in der Erwachsenenbildung angehalten werden, sich ihre Motive zu vergegenwärtigen und sich klare Ziele setzen.«
  • »Die enorme Stoff- und Detailmenge ist Lernen gegen die Natur des Gehirns. Ein paar Beispiele geben und daraus ein Prinzip entwickeln, das ist die Lösung.«
  • »Entscheidend für den Lernerfolg sind auch Gefühle. Je stärker die Emotionen, desto fester wird die Information verdrahtet
  • »Kinder, die Wörter in einer positiven Gefühlswelt lernen, speichern diese in einem anderen Teil des Gehirns ab, als solche, die sie mit unangenehmen Gefühlen lernen. Was mit Angst gelernt wurde, ist später auch mit Angst verknüpft, wenn es abgerufen wird. Ironie, Sarkasmus und Zynismus haben im Lernumfeld nichts zu suchen.«