Gestalttheorie

Der gestalttheoretische Ansatz wurde Ende der 50er Jahre in den USA entworfen, ab den 60er Jahren angewandt und seitdem ständig weiterentwickelt. Bei dem Begriff Gestalttheorie handelt es sich um eine psychologische Theorie, die auch für andere Wissenschaftszweige als Metatheorie relevant ist. Gestalt-Organisationsberater legen Wert auf eine integrierte Anwendung gleicher Handlungsprinzipien auf allen Systemebenen.

Wachstum: Individuen und Organisationen haben das Potenzial zur Entwicklung, zur Flexibilität und zum Wachstum. Ziel des Gestalt-Ansatzes ist es, Hindernisse wahrzunehmen, die das Wachstum hemmen und innovative, kreative Lösungen zu finden, um das Individuum und die Organisation in ein Gleichgewicht mit ihrer Umwelt zu bringen.

Erfahrungen: »Gestalter« versuchen, nicht zu interpretieren und zu analysieren, sondern durch direkte Interaktion oder durch Experimentieren mit neuen Verhaltensweisen Erfahrungen mit sich selbst, mit anderen oder mit der Gruppe/dem Team zu ermöglichen.

Gegenwart: Erfahrungen aus der Vergangenheit manifestieren sich in gegenwärtigem Verhalten, Interaktionen, Prozessen, Handlungsweisen und sind somit auch im »Hier und Jetzt« veränderungs- und entwicklungsfähig.

Die Person oder Organisation als Ganzheit: Das Gestalt-Modell befasst sich mit der ganzen Person, Gruppe oder Organisation als einem lebendigen, komplexen Organismus. Als Teile eines komplexen Systems arbeiten die intellektuellen, psychischen und physischen Aspekte unseres Wesens ständig daran, ein Gleichgewicht herzustellen und beeinflussen sich dabei wechselseitig.

 

Gegenstand und Kernpositionen der Gestalttheorie

Die Gestaltpsychologie beschäftigt sich vor allem mit der Entstehung von Ordnung im psychischen Geschehen – in der Wahrnehmung ebenso wie im Denken, Fühlen und Verhalten. Menschen werden dabei grundlegend als offene Systeme im aktiven Umgang mit ihrer Umwelt gesehen, die ihre Wahrnehmungen in bestimmten Mustern organisieren (so genannte Deutungsmuster).
Sie hat ihren Ursprung in den Erkenntnissen von Johann Wolfgang von Goethe, Ernst Mach und besonders Christian von Ehrenfels sowie in den Forschungsarbeiten von MaxWertheimer, Wolfgang Köhler, Kurt Koffka und Kurt Lewin. Diese wandten sich gegen die Elementenauffassung des Psychischen, den Assoziationismus, den Behaviorismus und die ursprüngliche Triebtheorie.
Der Neurologe Kurt Goldstein entwickelte eine ganzheitliche Theorie des Organismus auf der Grundlage der Gestalttheorie, die er allerdings bewusst von der Gestaltpsychologie abgrenzte.Worum es der Gestalttheorie geht, hat ihr Haupt-Begründer Max Wertheimer allgemein in der folgenden »Formel« zusammengefasst:

»Es gibt Zusammenhänge, bei denen nicht, was im Ganzen geschieht, sich daraus herleitet, wie die einzelnen Stücke sind und sich zusammensetzen, sondern umgekehrt, wo – im prägnanten Fall – sich das, was an einem Teil dieses Ganzen geschieht, bestimmt von inneren Strukturgesetzen dieses seines Ganzen. … Gestalttheorie ist dieses, nichts mehr und nichts weniger.«(1924)

Gestalttheorie ist in diesem Sinn nicht nur auf den Begriff der Gestalt oder des Ganzen und die Gestaltfaktoren der Wahrnehmung beschränkt, sondern wesentlich breiter und umfassender zu verstehen:

  •  Der Primat des Phänomenalen: Die Erlebniswelt des Menschen, wie sie sich darbietet, als einzige unmittelbar gegebene Wirklichkeit anzuerkennen und ernst zu nehmen, ist eine Grundaussage der Gestalttheorie.
  • Die Interaktion von Individuum und Situation im Sinne eines dynamischen Feldes bestimmt Erleben und Verhalten und nicht allein »Triebe« oder außenliegende Kräfte oder feststehende Persönlichkeitseigenschaften.
  • Denken und Problemlösen sind durch sach- und gegenstandsangemessene Strukturierung, Umstrukturierung und Zentrierung des Gegebenen (»Einsicht«) in Richtung auf das Geforderte gekennzeichnet.
  • Im Gedächtnis werden Strukturen aufgrund assoziativer Verknüpfungen ausgebildet und differenziert. Sie folgen einer Tendenz zu optimaler Organisation.Nicht miteinander vereinbare Kognitionen einer Person führen zu dissonantem Erleben und zu kognitiven Prozessen, die diese Dissonanz zu reduzieren versuchen.
  • In einem überindividuellen Ganzen wie einer Gruppe besteht eine Tendenz zu ausgezeichneten Verhältnissen im Wechselspiel der Kräfte und Bedürfnisse.

Erkenntnistheoretisch entspricht dem gestalttheoretischen Ansatz ein kritisch-realistischer Standpunkt. Auf der methodischen Ebene wird eine sinnvolle Verbindung von experimentellem mit phänomenologischem Vorgehen (experimentell-phänomenologische Methode) versucht. Zentrale Phänomene werden mit Verzicht auf experimentelle Strenge angegangen. Beispiele der Gestaltpsychologie in der optischen Wahrnehmung beinhalten die Wahrnehmung eines unvollständigen Kreises als Ganzes oder einer Ansammlung von Punkten als Form – das Gehirn vervollständigt die fehlenden Teile durch Extrapolation. Studien deuten darauf hin, dass einfache Elemente oder Zusammensetzungen, bei denen die Bedeutung direkt ersichtlich ist, eine
geringere Herausforderung an das Gehirn stellen als komplexe und daher erstere gegenüber letzteren bevorzugt werden.

Gestaltgesetze

  • Gesetz der Prägnanz
    Es werden bevorzugt Gestalten wahrgenommen, die sich von anderen durch ein bestimmtes Merkmal abheben
  • Gesetz der Nähe
    Elemente mit geringen Abständen zueinander werden als zusammengehörig wahrgenommen
  • Gesetz der Ähnlichkeit
    Einander ähnliche Elemente werden eher als zusammengehörig erlebt als einander unähnliche
  • Gesetz der Kontinuität
    Reize, die eine Fortsetzung vorangehender Reize zu sein scheinen, werden als zusammengehörig angesehen
  • Gesetz der Geschlossenheit
    Linien, die eine Fläche umschließen, werden unter sonst gleichen Umständen leichter als eine Einheit aufgefasst als diejenigen, die sich nicht zusammenschließen
  • Gesetz des gemeinsamen Schicksals
    Zwei oder mehrere sich gleichzeitig in eine Richtung bewegende Elemente werden als eine Einheit oder Gestalt wahrgenommen